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Die zünftige Kluft der Zimmerleute Ursprung und Werdegang Alfred Schottner Herausgeber: Fachverband Zimmerei und Holzbau Westfalen Text: Dr. Alfred Schottner Copyright: by Dr. Alfred Schottner, Münster 1990
Inhalt Zum Thema Begriffe Kluft und Zimmerleute Historischer Rückblick auf die Berufskleidung der Zimmerleute Wandernde Zimmergesellen als Brauchstumsträger Ausgangspunkte der zünftigen Kluft Die zünftige Kluft nach heutigem Stand
Zum Thema Brauchtum und dessen Pflege führen in unserer von der Technik bestimmten schnellebigen Zeit ein Schattendasein, wenn man von einer »Vermarktung« in Form von »Trachtengruppen« absieht. Eine beachtliche Ausnahme von dieser bedauerlichen Erscheinung bildet das Zimmerhandwerk als solches Lind insbesondere die »zünftige Kluft« der »wandernden Zimmergesellen«, deren Zahl in jüngerer Zeit erfreulicherweise spürbar zugenommen hat. Das führt zu der Frage nach Entstehung und Entwicklung der Kluft bis hin zu ihrer heutigen Ausprägung. Im folgenden wird versucht, darauf eine Antwort zu finden.
Begriffe »Kluft« und »Zimmerleute« Für ihre zünftige Kleidung haben die »wandernden Zimmergesellen« den Begriff »Kluft« vereinnahmt. Dieser stammt aus dem Rotwelschen und ist seit Ende des 18. Jahrhunderts aus der Studenten- und Soldatensprache als Bezeichnung für Uniform, alte Kleidung und Arbeitskleidung in die Umgangssprache eingegangen. Bei den Zimmerleuten ist er zumindest in diesem Jahrhundert nachweisbar gebräuchlich. Zu dem Begriff »Zimmerleute« bzw. »Zimmerer«, wie die fachliche Bezeichnung heute lautet, bleibt zu unterstreichen, daß er sich auf einen uralten Handwerksberuf bezieht, ohne hier die Frage klären zu wollen, ob dieser nicht - von Ägypten abgesehen - in China, im Zweistromland, in Persien, auf Kreta und selbst bei den Etruskern noch vor den Maurern bzw. Steinmetzen rangierte. Bereits bei den Phöniziern spielte er auch in der Art des Schiffszimmermanns eine große Rolle, die er sich dann bis in unser Jahrhundert hinein bewahrt hat. Im »Alten Testament« der Bibel tritt er als solcher beim Bau der »Arche Noah« aus »Tannen- und Zypressenholz« in Erscheinung, wie im 1. Buch Moses, Kapitel 6 nachzulesen ist. Während der Jungsteinzeit dominierte im Norden und in der Mitte Europas der Holzbau, so daß der Schluß auf entsprechende handwerkliche Fähigkeiten nahe liegt. Auch die Häuser der Germanen waren aus Holz. Sie entstanden in der Frühzeit zwar in »Nachbarschaftshilfe«, doch oblag das Zusammenfügen des Balkenwerks, »timbr« genannt, dem erfahrensten unter den Mitwirkenden, dem »zimbarari« bzw. »zimberman«. Pfosten und Sparren sowie Streben und Firstpfetten als Längsverband waren dabei geläufig. Es ist hier nicht der Ort, auf die weitere Entwicklung im einzelnen einzugehen. Wichtig zu wissen ist jedoch noch, daß bereits zu Beginn der Zeitenwende Säge, Stemmeisen, Bohrer, Axt, Beil und Hammer, die auch heute noch üblichen Grundhandwerkszeuge, bereits bekannt waren, wie u.a. im Museum der »Saalburg«, einem ehemaligen Römerlager innerhalb des Limes, vorzüglich dokumentiert ist. Eine »Berufskleidung« ist für diese Zeit allerdings nicht belegt.
Historischer Rückblick auf die Berufskleidung der Zimmerleute Einschlägigen Quellen zufolge gab es im Mittelalter noch keine »zünftige Tracht«. Vielmehr waren die Handwerker unbeschadet ihrer unterschiedlichen Tätigkeit während der Arbeit einheitlich gekleidet. In diesem Zeitraum bestand die Arbeitskleidung ursprünglich aus einem kurzen grauen Leibrock, dem »Bauernkittel« gleich, an dessen Stelle im 14. Jahrhundert die knöpfbare und an der Taille gegürtete »Schecke« trat, der langen »Strumpfhose« und der mit kurzem Kragen ausgestatteten »Kapuze«. Erst um 1500 kommt die durch »Kleiderordnungen« verordnete »Schürze« hinzu. Im 16. Jahrhundert bilden sich dann den praktischen Belangen der verschiedenen Handwerksberufe angepaßte spezielle Kleidungen heraus.
Zimmerleute beim Hausbau
Die skizzierte Entwicklung ist für das Zimmerhandwerk schriftlich - soweit ersichtlich - nicht festgehalten. Einen gewissen Aufschluß vermitteln Holzschnitte, Hinterglasbilder und andersartige bildliche Darstellungen, von denen einige im folgenden wiedergegeben werden. Bei deren Betrachtung stellt sich allerdings die Frage nach der »Echtheit«, d.h. ob es sich dabei um »zeitgemäße Abbilder« oder aber um »idealisierte Bildnisse« handelt. Zwei erste, wenn nicht die ersten bildlichen Zeugnisse enthält der »Sachsenspiegel«, eine Rechtssammlung, die im 13. Jahrhundert entstanden ist. Auf dem von diesen auf Seite 8 wiedergegebenen Bild stellen die drei Personen rechts im Bild offensichtlich Zimmerleute dar, wohingegen die beiden anderen Personen als Bauherr und Baumeister anzusehen sein dürften. Die Kleidung der Zimmerleute ist zu einfach gezeichnet, um sie eindeutig beschreiben zu können. Die nebenstehende Abbildung des 1485 geschaffenen Holzschnittes zeigt zwei Zimmerleute, deren Kleidung sich von der im »Sachsenspiegel« dargestellten deutlich unterscheidet. Dies gilt auch für die Hüte, von denen einer mit Krempe und Spielhahnfeder und der andere mit flachem Deckel und breitem Rand ausgestattet ist. Die nächste Abbildung beruht auf einem Holzschnitt aus dem bekannten «Ständebuch« des Jost Amman, das 1568 datiert ist. Es zeigt die damals und zum Teil auch heute noch üblichen Werkzeuge der Zimmerleute und ihre Anwendung. Hinsichtlich der Kleidung sind Vorbehalte zumindest für die vordere Person anzumelden. Die Pluderhose bei der Arbeit zu tragen dürfte wohl nicht die Regel gewesen sein.
Zimmermann beim Zurichten eines Balkens (Holzschnitt aus „Hortus Sanitatis", 1485)
Die Kleidung der Zimmerleute auf der Wiedergabe eines weiteren Holzschnittes auf Seite 11 erscheint wirklichkeitsnäher als die von Amman dargestellte, wenn man bedenkt, daß die »Quelle«, der »Weißkunig«, während der von 1486 - 1519 dauernden Regierungszeit des ebenfalls dargestellten Kaisers Maximilian 1., entstanden ist. Dies gilt insbesondere für die Hosen in Form von Kniebundhosen. Einen spürbaren Wandel verdeutlicht das Bild auf Seite 12, das auf einem alten Kupferstich aus dem 17. Jahrhundert fußt. Die dargestellten Zimmerleute tragen Kniebundhose, Wadenstrümpfe, ein Schurzfell, vermutlich aus Kalbfell, und Schuhe mit hochstehender steifer Gelenkkappe. Der an sich breite Rand des Hutes der Person rechts im Bilde ist laut einschlägiger Interpretation im Sinne von gutem Wetter hochgeknöpft, konnte jedoch bei schlechtem Wetter heruntergeklappt werden, was den Hut dann in einen »Zweispitz« umwandelte. Die Person links im Bild trägt eine schwarze Pelzmütze mit wulstartigem Oberteil, die während der kälteren Jahreszeit zum Einsatz kam.
Nach weiteren Verlautbarungen zu diesem Bild bestand die Hose aus braunem Hirsch- oder Wildleder, das Wams aus einem samtartigen schwarzen Tuchstoff, ausgestattet mit einer Borte am unteren Teil und einem Schulterbehang in Form eines vergrößerten, über den Rücken hängenden halbrunden Rockkragens, der den
Rücken insbesondere bei Regenwetter gegen ein schnelles Naßwerden schützen sollte. Der Behang war für den Fall guten Wetters abnehmbar gearbeitet. Das Wams schmückt eine Reihe von Silberknöpfen mit Abstand von 3 - 31/2 cm. Der besagten Erläuterung zufolge trug jeweils an den Rockaufschlägen der »Lehrling« einen Knopf, der »Jung Geselle« in den ersten zwei bis drei Jahren nach der Lehre und auf der Wanderschaft zwei, der »ältere Geselle«, das heißt vom 20. Lebensjahr an, drei und der »Polier« oder »Meister« vierKnöpfe. Dem Meister stand außerdem zu, je einen Knopf rechts und links am Rockkragen zu tragen. - Bis auf die Schürze findet sich eine ähnliche Darstellung in der von Diderot und d`Alembert 1751 - 1772 verfaßten »Encyclopedie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers«. Für die Entwicklung der Kleidung der Zimmerleute im Laufe des letzten Jahrhunderts waren keine aufschlußreichen Bilder aufzufinden. Die Darstellung auf Seite 13, der eine Lithographie aus dem Jahre 1835 zugrunde liegt, zeigt im Vordergrund links eine Person, deren Kleidung aus einer Art Weste, Umlegekragen, Halstuch und einer bis auf die Schuhe reichende Hose besteht, die mit einigen Abstrichen Ansätze zu der noch zu betrachtenden »Kluft« aufweist.
»Wandernde Zimmergesellen« als Brauchtumsträger Für die in Rede stehende »Kluft« spielt das »Gesellenwandern« eine besondere Rolle. Das Wandern von Handwerksgesellen ist bereits für das 14. Jahrhundert verbürgt. Reichsgesetzliche Vorschriften finden sich erstmaligem sogenannten »Reichsabschied« vom 16. August 1731. Dort verlautet u.a. ,daß der »Gesellenschein«, allgemein »Kundschaft« genannt, aus dem später das »Wanderbuch« wurde, auf die Wanderung mitzunehmen sei. Als Teil der Ausbildung war das Wandern nach der Einführung der Meisterprüfung Voraussetzung zu deren Ablegung. Dies galt bis zur Einführung der sogenannten »Gewerbefreiheit« zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Desungeachtet hat sich das Gesellenwandern auch im letzten Jahrhundert gehalten, wie literarisch und durch spezielle Urkunden belegt ist. Diesem an sich interessanten Brauchtumsthema ist hier nicht allgemein nachzugehen. Lediglich die Besonderheiten, die sich im Zimmerhandwerk herausgebildet haben, sind in Anbetracht ihres Einflusses auf die noch zu beschreibende »zünftige Kluft« in gebotener Kürze darzustellen.
Zimmerleute bei der Rundung eines Baumstammes »Wandernde Zimmergesellen« haben im Laufe des letzten Jahrhunderts und auch in diesem Jahrhundert sogenannte »Bruderschaften« gegründet, für die sich die Bezeichnung »Schacht« eingebürgert hat. Auf die längste Tradition beruft sich die
Baumeister im Gespräch mit Zimmerleuten auf dem Zimmerplatz (nach einer Lithographie von G. M. Kirn, 1835)
»Vereinigung der Rechtschaffenen Fremden Zimmergesellen«. »Fremd« will besagen: „fremdgeschrieben", wobei es sich um den Fachausdruck für den wandernden Gesellen schlechthin handelt. Für ihre Mitglieder galt und gilt eine Wanderzeit von »drei Jahren und einem Tag«. Die namhafte »Vereinigung der Fremden Rolandsbrüder«, kurz »Rolandsschacht« genannt, ist 1883/1891 in Bremen gegründet worden, was den Namen erklären dürfte. (blaue Ehrbarkeit) Jüngeren Datums (1910) ist die »Vereinigung der Fremden Freiheitsbrüder«. (rote Ehrbarkeit) Weiterhinn die »Vereinigung der Freien Vogtländer Deutschlands«. Der Name soll zur Zeit Friedrich des Großen für »schwarz« arbeitende Zimmerleute entstanden sein. Um 1900 wurden dann diejenigen reisenden Gesellen - darunter auch unverheiratete - als »Vogtländer« bezeichnet, die nicht den Reiseschächten angehörten. Daraus hat sich 1910 der Schacht bzw. die »Gesellschaft Freier Vogtländer« gebildet. (Handwerksnadel mit den Initialen “VFD” als Ehrbarkeit) Die »Rechtschaffenen Fremden Zimmergesellen« (Schwarze Ehrbarkeit) haben seit langem ihren Hauptsitz in Hamburg. Bei den anderen Schächten wechselt der Sitz mit dem Standort der jeweiligen »Zentralverwaltung«. Ausgangspunkte der »zünftigen Kluft« Die Entstehung der »zünftigen Kluft« liegt weitgehend im dunklen. Unbeschadet dessen stellt sich ganz allgemein die Frage, ob sich die »Kluft« aus oder neben der Arbeitskleidung entwickelt hat. Einiges spricht dafür, daß die ursprüngliche Arbeitskleidung nach und nach mit Knöpfen, Bändern,
Schnallen, Halstuch und anderes mehr angereichert und so im Laufe der Zeit zur besonderen »Berufstracht« und so zur» Standestracht« aufgewertet worden ist, unterschieden nach »Rangtracht« für Lehrling, Geselle und Meister sowie »Brauchtumstracht« in Form von »Festkleidung« und »Wanderkleidung«, d.h. Kleidung des »wandernden Gesellen«.
Auf der Grundlage des historischen Rückblicks ist mit einiger Vorsicht zu folgern, daß die heute als klassisch angesehene Kluft der Zimmerleute in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch nicht ausgeprägt war. Nach einer nicht näher gekennzeichneten Aussage soll sie vor rund 100 Jahren in Hamburg als Standeskleidung der Land und Schiffszimmerleute festgeschrieben worden sein. Diesbezügliche Rückfragen bei der »Zimmer-Innung Hamburg« und beim »Museum für Hamburgische Geschichte« führten allerdings zu keiner Bestätigung.
Gesellschaftsbild (Winterthur, 1896)
Einen konkreten Anhaltspunkt liefert die auf Seite 3 wiedergegebene Fotografie, die um 1880 entstanden ist und einen Zimmermann aus Ostbevern im Münsterland zeigt. Dies gilt auch für die unten abgedruckte Aufnahme aus dem Jahre 1896, auf der die Art der Kleidung der dargestellten Zimmerleute bereits weitgehend der heute üblichen Art entspricht. Weiter in das 19. Jahrhundert zurückreichenden Belege liegen nicht vor. Zu dem heute beim »wandernden Gesellen« üblichen breitkrempigen Hut verlautet aus Hamburger Fachkreisen, daß er aus der Notwendigkeit entstanden sei, beim Sägen von Baumstämmen, das früher, wie einschlägige Bilder belegen, über einer Kuhle oder auf einem hohen Bock erfolgte, den »Untermann« vor den herabrieselnden Sägespänen zu schützen. Hinsichtlich der breit ausgestellten Hose, der sogenannten »Schlaghose«, stellt sich die Frage, ob der Hang, sich modisch abzuheben, oder ob ebenfalls ein praktischer Grund deren Entstehung bewirkt hat. Nach Hamburger Auffassung sollte sie ursprünglich das Eindringen von Sägespänen in die Schuhe verhindern. Zur »langbeinigen« Hose bleibt in diesem Zusammenhang anzumerken, daß sie im Rahmen der Französischen Revolution als »Sansculotte« (= ohne Kniehose) bzw. »Pantalons« die bis dahin allgemein getragene Kniehose ablöste und bald zum festen Bestand der bürgerlichen Kleidung wurde.
(Holzschnitt aus Jost Amman' s „Ständebuch", 1568)
Allerdings darf dabei nicht übersehen werden, daß die »Langhose« das ganze Mittelalter über von Schiffern, Flößern und Fischern getragen worden ist, wie die obenstehende Abbildung bis zu einem gewissen Grade belegt. Diese Tradition läßt es möglich erscheinen, daß die Hamburger Schiffszimmerleute die bei den Matrosen schon damals verbreitete und auch heute noch beliebte »Schlaghose« übernommen haben. Zu den Schuhen heißt es in einer schriftlichen Verlautbarung, daß sie im 17. Jahrhundert mit einer hochstehenden steifen Gelenkkappe ausgestattet waren, um das Eindringen von spitzen Hauspänen in die Füße zu verhindern. Die langschäftigen Stiefel seien in Fortsetzung dessen erst um 1860-1870 entstanden, wären jedoch wegen der Schweißbildung nur ungern getragen worden. Wie verfügbare Fotografien aus den zwanziger und auch den dreißiger Jahren, von deren Wiedergabe abgesehen wird, erkennen lassen, ist bis dahin kein prinzipieller Wandel in der »Kluft« eingetreten. Da es an Hinweisen jedweder Art mangelt, wird von Schlußfolgerungen zur Entwicklung der »Weste« Abstand genommen.
Die »zünftige Kluft« nach heutigem Stand Das weiter oben abgedruckte Foto aus dem Jahre 1896 läßt bereits über das Titelbid hinaus die Grundstruktur der in jüngster Zeit insbesondere von »fremden« bzw. »wandernden« Gesellen getragenen »Kluft« erkennen. Wie schon erwähnt, ist in den Jahrzehnten danach kein grundsätzlicher Wandel eingetreten. Dies dürfte nicht zuletzt darauf zurückzuführen sein, daß die Kluft strengen, wenn auch ungeschriebenen Vorschriften unterlag. Der in den Jahren 1934/35 unternommene Versuch, sie gewissermaßen von Staats wegen »neu« zu regeln, ist nicht gelungen. Die Bedeutung der Kluft ist in den dreißiger Jahren u.a. daran abzulesen, daß der »Große Duden« aus dem Jahre 1935 eine schematische Darstellung enthält, die alle Bestandteile der Kluft näher bezeichnet und dabei auch die umgangssprachlichen Bezeichnungen aufführt. Das aus jüngerer Zeit stammende Foto auf Seite 19 zeigt »fremdgeschriebene« Gesellen aus verschiedenen »Schächten« friedlich vereint. Anhand dessen wird nachstehend die heute übliche Form der »Kluft« geschildert. Die wichtigsten Bestandteile der Kluft, d.h. Hose, Weste, Rock und Hut, sind schwarz gehalten. Sie kontrastieren mit dem möglichst blütenweißen Hemd. Weiß schimmern auch die Perlmutterknöpfe, die in zwei oder auch vier Reihen Weste (Kreuzspinne) und Rock (Walmusch) mehr als Schmuck als zum Knöpfen dienen. Weiß ist auch die leinene Reiserolle, Berliner bzw. Charlottenburger genannt. Rot ist hingegen die Farbe des übergroßen (Hamburger) Taschentuchs mit dem die Reiserolle eingeschlagen wird. Die als »Ehrbarkeit« bezeichnete Schnurkrawatte wird bei den einzelnen Schächten in unterschiedlichen Farben getragen. Ein auffallendes Kleidungsstück stellt die Hose dar. Um die Jahrhundertwende noch aus glattem Samt gefertigt, hat sich danach der gerippte Kord- bzw. Manchestersamt angeblich deswegen durchgesetzt, weil dessen maschinelle Anfertigung und der Massenkonsum ihn erheblich verbilligt hätten. Dem glocken- bzw. tulpenförmigen Zuschnitt zufolge weist sie dem Vernehmen nach an der engsten Stelle allenfalls 45 cm und beim unteren Auslauf über 90 cm Durchmesser (Zunfthose) auf, allerdings gibt es auch andere Größen. Bei den »Freiheitsbrüdern« kann sie mit roten, bei den »Rolandsbrüdern« mit blauen Biesen längs der Seitennaht versehen sein. Die »Freien Voigtländer« statten sie an den »Schlägen« mit je drei Perlmutterknöpfen aus. Die Weste, »Kreuzspinne« und vereinzelt »Gilet« genannt, ist tief ausgeschnitten und stets aus Kordsamt gefertigt. Früher häufig vierreihig (Vogtländer) mit je vier weißen Perlmutterknöpfen verziert, sind es heute in der Regel nur noch zwei Reihen mit vier Knöpfen. Der Rock oder Kittel, in Fachkreisen als »Walmusch« bezeichnet, besteht zumeist aus glattem Samt, kann jedoch auch aus dem gleichen Tuch wie die Hose angefertigt sein. Bei einer »Sommerkleidung« ist auch schwarzweiß gemusterter Pepitastoff anzutreffen. Den Rock schmücken ebenfalls zwei Reihen Perlmutterknöpfe, jedoch nur drei in jeder Reihe. Bei den »Freien Vogtländern« kommen je einer an den beiden Aufschlägen hinzu.
Gruppenbild fremdgeschriebener Zimmergesellen aus verschiedenen Schächten (um 1985)
Das bemerkenswerteste und wichtigste Kleidungsstück bildet der schwarze Hut. Am meisten verbreitet ist der aus Filz gefertigte breitkrempige Schlapphut, der »Obermann«. Vor dem Ersten Weltkrieg soll er nicht selten mit einem Durchmesser von 50 cm getragen worden sein, was einen Umfang von 1,57 m ergibt. Anzutreffen sind daneben die topfförmige »Melone«, früher »Schauwerker« genannt und der steife (Hamburger) »Zylinderhut«, der mit Seidenstoff bespannte »Spinnt«. Das »Hemd« (Staude) aus weißer Leinwand ist anstelle eines Kragens mit einem kleinen Stehbord versehen. Die »Ehrbarkeit« besteht aus einem schmalen Bändchen. Sie wird nicht um den Hals geschlungen, sondern mittig durch den Hemdschluß bzw. das oberste Knopfloch gezogen und fällt dann als Zierde lang auf das weiße Hemd herab. Die »Rolandsbrüder« tragen sie in blau, die »Freiheitsbrüder« in rot, die »Rechtschaffenen fremden Zimmerer und Maurer« in schwarz und die »Freien Vogtländer« begnügen sich statt dessen mit einer Anstecknadel. Die »Ehrbarkeit« bestätigt unter Fachleuten die »Fremdschreibung« und. die zugehörigkeit zu einem »Schacht«. Aus der Mode gekommen sind die noch in den dreißiger Jahren verbreitet gewesenen »Langschäfter«, auch »Trittlinge« bzw. »Suffrohre« genannt. Daneben waren damals noch »Zugstiefel« in Gebrauch, wohingegen weiche »Schneiderlangschäfter«, wie sie die Maurer trugen, niemals in Betracht kamen. Heute werden auf der »Walz« schwarze hohe Laufschuhe getragen. Ob die auf der Baustelle vorgeschriebenen »Sicherheitsschuhe« von den »Fremden« wirklich benutzt werden, ist nicht unbedingt anzunehmen. Zur Kleidung im weiteren Sinne zählt auch der »Berliner« bzw. »Charlottenburger«. Der an einer weißen Schnur bzw. Kordel über der Achsel getragene »Berliner« enthält die notwendigste »Habe« der wandernden Gesellen. Dazu gehörte früher auch das wichtigste Werkzeug :Axt mit kurzem Helm, Winkeleisen, Handsäge, Latt- oder Spitzhammer, Stemmeisen und Klopfholz. Die Umhüllung bestand in diesem Falle aus einem Wachstuch und einem darüber gewickelten roten Taschentuch. Heute ist es üblich, mit kleinem Reisegepäck, d.h. ohne Werkzeug zu wandern, wobei die »Habe« lediglich in ein großes, zumeist mit der Werbung der Ausstattungsfirma bunt bedrucktes Tuch gewickelt ist. Den »Reiseanzug« . vervollständigt der »Stenz«, ein keulenartiger, naturwüchsig gedrehter »Wanderstab«, der zum Schutz eingesetzt werden kann und ehedem möglichst in der Lüneburger Heide geschnitten werden sollte. Die »Kluft« wird abgerundet durch die vor der Weste quergespannt getragene »Uhrkette« - häufig mit allerlei Beiwerk angereichert - und den das linke Ohr schmückenden »goldenen Ring«, zumeist mit dem zuständigen Handwerkszeichen versehen. - Seit geraumer Zeit sind auch Koppel im Schwange, an denen sich dann Werkzeugtaschen (Holster) befinden. Die Kleidung und alle sonstigen Ausstattungsstücke werden heute weitgehend von Versandhäusern geliefert. Bleibt schließlich noch zu erwähnen, daß es verpönt ist, während der »Walz« einen Schnurrbart zu tragen, wohingegen der Kinnbart geduldet wird. Die beschriebene Kluft tragen die »fremdgeschriebenen« Gesellen mit kleinen praktisch bedingten Abweichungen - im Sommer darf z.B. der Rock ausgezogen werden - auch auf der jeweiligen Arbeitsstätte. Das hat in jüngster Zeit zwar dazu geführt, daß auch »einheimische« Zimmerleute mit einzelnen zünftigen Kleidungsstücken, zumeist der Weste, auf der Arbeitsstätte auftreten, doch überwiegt nach wie vor eine bequeme Kleidung nach eigenem Gusto.
Die weitgehend als gesichert geltende Annahme, daß im Mittelalter die Handwerker unbeschadet ihrer Berufe eine einheitliche Berufskleidung - Leibrock, lange Strumpfhose und Kapuze - getragen haben, wird durch die beiden ersten Bilder nicht unbedingt gestützt; sie lassen eher auf gewisse berufsbezogene Besonderheiten schließen. Eine eigene Entwicklung im Zimmerhandwerk bestätigen die vier weiteren Bilder, ohne daß daraus bereits Schlüsse auf die heute als »zünftige Kluft« geltende Kleidung gezogen werden könnten. Über die weitere Entwicklung einer zünftigen Berufstracht der Zimmerleute im Verlaufe des 19. Jahrhunderts liegen - soweit ersichtlich - keine nachprüfbaren Bekundungen vor. Einer nicht näher gekennzeichneten Aussage aus jüngerer Zeit zufolge soll sie um 1880 in Hamburg zur Standeskleidung der Land- und Schiffszimmerleute erklärt worden sein. Das setzt gewisse Entwicklungstendenzen voraus, die sich mit gebotener Vorsicht aus der beruflichen Nähe von Schiffszimmermann und Matrose herleiten lassen. Das »seefahrende Volk« hat nämlich auch während des Mittelalters und in den Jahrhunderten danach stets lange und zumindest bereits im 19. Jahrhundert breit ausgestellte Hosen getragen. Die erstmals durch Fotografien aus den achtziger und neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts belegte »Kluft« hat sich seitdem nicht mehr grundlegend geändert. Geringfügige Abweichungen stehen im Zusammenhang mit den in diesem Jahrhundert durch Absplitterung bzw. Neugründung entstandenen »Schächten«. In den zwanziger und selbst noch den dreißiger Jahren hat die Kluft mit ihren einzelnen Varianten großen Anklang gefunden; sie war bereits damals das »Markenzeichen« der »fremdgeschriebenen« bzw. »fremden«, also der »wandernden Zimmergesellen«. Das ist sie nach dem Zweiten Weltkrieg ab den sechziger Jahren erneut geworden. Ihre »Renaissance« hat sogar bewirkt, daß heute auch »einheimische« Zimmerer sie in beachtlichem Ausmaß zumindest in Teilen während der Arbeit tragen. |
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